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Der Dirigent - Willi Gehlen

Im Juni 1991 feierte das Akkordeonorchester Waldniel sein 25-jähriges Bestehen.

In der damaligen Laudatio von Willi Inderfurth, dem damaligen Vorsitzenden, wird unser Dirigent Willi Gehlen treffend beschrieben:

Willi Gehlen - ein Stück Waldniel

Lebendige Musik für Schwalmtal

Als Willi Gehlen am 31. Januar 1930 in Waldniel das Licht der Welt erblickte, war seine musikalische Zukunft in keiner Weise vorauszusehen. Die Sorgen seiner Eltern richteten sich auf das tägliche Brot. Der kärgliche Lohn des Vaters musste durch die unermüdliche Heimarbeit der Mutter stets aufgebessert werden Trotzdem blieb auch für den Erstgeborenen Willi nur wenig Spielraum für das Spiel. Denn im Laufe der Jahre gesellten sich noch 7 Geschwister dazu, wovon schließlich 5 mit ihm schon früh auf sich selbst gestellt waren, als am 12.04.1942 der Vater und Ernährer durch einen Betriebsunfall bei der RÖSLER DRAHT AG ums Leben kam. Willi Gehlen war gerade 12 Jahre alt.

Eine Ziehharmonika hatte der musikbegeisterte Vater seinem ältesten Sohn noch mit auf dem Lebensweg geben können. Als ältester unter den Geschwistern war er mit 12 plötzlich kein Kind mehr. Musikunterricht bekam er mit 12 Jahren zuerst bei "Onkel Paul" auf dem Klavier. Nur üben konnte er Zuhause nicht, weil man kein Klavier besaß. So ging er zunächst einmal bei fremden Leuten üben, bis Mutter in Nachtarbeit neben dem Lebensunterhalt auch noch ein Klavier anschaffen konnte.

In der vaterlosen Familie ging das Leben weiter. Willi Gehlen begann mit 14 Jahren seine Lehre als Postjungbote beim Postamt in Waldniel.

Schon im Jahre 1947 begann Willi Gehlen als Schüler des Hausorganisten Herrn Ebel in der Krankenhauskapelle zu üben. Herr Ebel arbeitete gleichzeitig auch als Organist in der Pfarrkirche St. Michael in Waldniel. Sehr schnell wurde Willi Gehlen als 17-jähriger gefordert, als Herr Ebel im gleichen Jahr Waldniel verließ. Im Oktober 1947 übernahm Willi Gehlen die musikalischen Aufgaben in der Krankenhauskapelle, wozu auch die Leitung der Proben des damals 10-köpfigen Chores, der sich aus den Reihen der Ordensschwestern und der Angestellten des Hauses zusammengefunden hatte, gehörte.

Willi Gehlen wuchs an seinen Aufgaben. In jungen Jahren kam die Tanzmusik hinzu, die im selbst wenig Geld und ungezählten Zuhörern aber viel Freude brachte. Für Willi Gehlen war dies alles eine gute, aber auch harte Schule. Jeden Morgen früh in der Krankenhauskapelle über Jahrzehnte zur Ehre Gottes - ohne Bezahlung - spielen. Dies auch an Feiertagen. Er war eben immer da, wenn man ihn brauchte.

Die Strukturänderung im Pflegedienst im Krankenhaus machte auch dem Chor große Schwierigkeiten. Die Überlastung der Halbtagsbeschäftigten und der Ordens-schwestern dezimierte den Chor. Aber durch seine vielfältige musikalische Tätigkeit konnte Willi Gehlen auch diese Probleme lösen. Seit 1966 setzt sich der Chor aus musikalisch tätigen Personen aus seinem Bekanntenkreis und Familienmitgliedern der Gehlen-Familie zusammen.

Längst war Musik nicht nur Klavier und Akkordeon spielen. Saxophon, Klarinette und Orgel kamen hinzu. Ungezählt sind die Auftritte bei Hochzeiten, Feierlichkeiten und Messen im Kirchenchor. Ökumenisch eingestellt spielte er sowohl in den Kirchen der evangelischen und katholischen Gemeinden. Er war und ist eigentlich immer da, wenn man ihn braucht.

Zu Beginn der 60-er Jahre, als Willi Gehlen schon vielen Musikinteressierten Unterricht am Klavier, auf dem Akkordeon und an der Orgel gab, setzte er eine Gruppe von Akkordeonspielern zusammen, die nach zaghaften Anfängen im Jahre 1965 ihre ersten Konzerte in Waldniel gaben.

Im Januar 1966 wurde daraus das AKKORDEONORCHESTER  WALDNIEL, das bis zum heutigen Tag unter der musikalischen Leitung und dem Dirigat von Willi Gehlen steht.

Durch seine Aufgaben gestärkt konnte Willi Gehlen als Laienmusiker, bei dem die Musik an erster Stelle im Leben steht, als Hobbymusiker und Hobbykomponist zahlreiche Arrangements und Kompositionen sowohl für seinen Chor, als auch für sein AKKORDEONORCHESTER erarbeiten. Einer im Jahre 1967 von Willi Gehlen komponierten lateinischen Weihnachtsmesse folgte nach der Änderung der Lithurgie im Jahre 1986 eine deutsche Messe, die später auch in das Repertoire der Pfarrcäcilia St. Michael Waldniel als "Neller Hommes" bekannt wurde.

Der Neubau des Hospitals schuf mit der Errichtung der neuen Kapelle auch einen neuen Schaffensraum für Willi Gehlen. Das alte Harmonium konnte den musikalischen Anforderungen schon lange nicht mehr gerecht werden. Er setzte auf die Spenden und Kollekten der zahlreichen Besucher der von ihm gestalteten Messen. Eine größere Spende schuf die Basis zum Kauf einer zweimanualigen, elektronischen Orgel im Jahre 1977.

Beflügelt durch sein Akkordeonorchester schreibt er seit 1966 für die jungen und musikbegeisterten Menschen im Orchester Arrangements von bekannten Melodien und fasst sie teilweise in Potpourries zusammen, die bis heute schon über 50 000 Menschen alleine im Schwalmtaler Raum gehört haben. Bis heute sind es nicht weniger als 11 eigene Kompositionen und 34 Arrangements, auf die Willi Gehlen im Jubiläumsjahr

                        25 Jahre AKKORDEONORCHESTER  WALDNIEL

ruhig mit Stolz zurückblicken kann. Viele Hundert Menschen machte er teilweise zu begeisterten Spielerinnen und Spieler, die heute Musik studieren bzw. schon selber unterrichten, in Kirchen Orgel spielen, Tanzmusik machen oder aber auch Orchester leiten. Somit bleibt sein Lebenswerk immer jung.

Wenn man bedenkt, dass Willi Gehlen in über 40-jähriger Tätigkeit als Hausorganist im Antonius-Hospital fast zwei Generationen ehrenamtlich jeden Tag um 6:15 Uhr die Messe spielte, darf man ruhig die Frage stellen, warum er dieses getan hat. Da steckt schon etwas mehr hinter, als die einfache Musikbesessenheit eines Menschen. Es ist das Selbstverständnis von Willi Gehlen, für die Gemeinschaft seine ganze Person hinzugeben, auch wenn seine Familie dabei etwas zu kurz kommt.

Heute, im Jahr 1991 ist er immer noch bei Post und hat zwischenzeitlich auch auf Ämter und Aufstiegsmöglichkeiten verzichtet, damit er seiner Musik treu bleiben kann. Nur die Frühmessen ließen sich in der letzten Zeit nicht mehr mit seinem Dienstplan in Einklang bringen. Aber er hat ja auch für Musiknachwuchs gesorgt.

Wenn heute das Gemeindeleben in Schwalmtal mit Musik gefüllt ist, ist dies nicht zuletzt das Verdienst von Willi Gehlen, der sich und seinen Chor- und Orchestermitgliedern nichts schenkt.

Zu seinem 40-jährigen Jubiläum im Krankenhaus Waldniel schrieb er als Dankmesse eine dreistimmige Messe, die er zu Ehren der Ew. Schwestern des Hospitals mit "Franziskusmesse" überschreibt.

Noch immer ist Willi Gehlen unermüdlich im musikalischen Schaffen. Zu den nächsten Konzerten des AKKORDEONORCHESTERS werden die neuesten Kompositionen und Arrangements zu hören sein: teilweise schon auf Platten und Cassetten.  

Die 11 Kompositionen, 34 Arrangements und 3 Messen können nur einen Teil seiner Leistung für die Musik wiederspiegeln. Die wirkliche Leistung dieses einfachen und bescheidenen Menschen liegt viel tiefer. Getreu seinem Leitspruch:

            Verlange viel, aber gebe noch viel mehr !

hat er ermöglicht, dass es in Schwalmtal ein musikalisches Kulturleben gibt, dass schon Jahrzehnte funktioniert.

Sicherlich hat ein solcher Mensch, der viel für die Gemeinschaft und die Gemeinde schlechthin getan hat, seine Fehler.

Sein größter Fehler ist wohl, dass er sich viel zu schnell für andere Menschen einspannen läßt.                                                                                               Schwalmtal im Juni 1991

                                                                                                Willi Inderfurth

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